Dynamit Facilitation

SixSteps meets Dynamic Facilitation

Wenn es – in/mit einer Gruppe von bis zu maximal 20 Personen – um die Bearbeitung emotional aufgeladener Themen geht, das Thema komplex ist und die Stimmung nach Dynamit riecht, dann kommt das Moderationsdesign „Dynamic Facilitation“ zum Einsatz, so oder ähnlich klingen Begründungen für den Einsatz des Moderationsansatzes des amerikanischen Kollegen Jim Rough. Zugegeben, etwas überspitzt formuliert.

Zudem hört oder liest man immer wieder, dass das Spezifische an dieser Moderationsmethode sei, dass der Moderator nichts unternimmt, um die Gruppe auf einem linearen Weg zu halten und dezidiert nicht auf den roten Faden achtet.

Ein dritter Punkt ist der, möglicherweise etwas esoterisch anmutende „Durchbruch“, der bei Anwendung von Dynamic Facilitation, für die Bewältigung besonders schwieriger Situationen im Gruppenprozess, in Aussicht gestellt und angestrebt wird.  

Kurz und gut, worum geht’s nun ganz genau?

  • Was steckt dahinter, was ist dran? Wie „tickt“ diese Moderationsmethode? 
  • Wie ist Dynamic Facilitation aufgebaut?
  • Was hat es mit der Nicht-Linearität auf sich, achtet die moderierende Person tatsächlich nicht auf die Struktur?
  • Was ist das mit dem Durchbruch, wie und wodurch soll dieser „Quantensprung“ entstehen?
  • Worin liegen die Gefahren, wo ist das Dynamit versteckt? 

Aufbau / Struktur

Die Aussage, dass sich der Facilitator bei Dynamic Facilitation nicht um den roten Faden bemüht, betont den Kern der Methode, verliert dabei aber die Gesamtstruktur aus den Augen. 

Der Kern der Methode, ich habe ihn „Exploration“ und „Conclusion“ genannt, kann in zwei Settings genutzt werden:

A) Eine Moderation ist komplett als Dynamic Facilitation Workshop geplant, dann ist dieser Methodenkern implizit.

B) Die Kernelemente des Dynamic Facilitation werden im Rahmen eines „normalen Workshops“ genutzt, um eine verfahrene Situation zu klären. 

A) Der Dynamic Facilitation Workshop

Die Gesamtstruktur des Vorgehens bei Dynamic Facilitation lässt sich gut in die klassischen SixSteps des Moderationszyklus einordnen. Ein Dynamic Facilitation Workshop folgt dieser Struktur:

Die Gesamtstruktur

Der Ablauf eines Dynamic Facilitation Workshops in der Struktur der klassischen SixSteps:

1) Einsteigen // Check in
Sowohl in den klassischen SixSteps des Moderationszyklus‘, als auch im „Dynamic Zyklus“ werden im ersten Schritt die Teilnehmer begrüßt und das Thema benannt. Es geht im ersten Schritt immer darum, die Gruppe arbeitsfähig zu machen.

2) Sammeln // Definition
In den klassischen SixSteps, werden im Schritt 2 „Sammeln“, alle aus Sicht der Teilnehmenden zum Generalthema zu bearbeitenden Themen, Fragen, Bedenken … gesammelt. Im Dynamic Zyklus wird im Schritt 2, die zu bearbeitende Thematik in eine Frage formuliert, die es zu beantworten gilt. Das Sammeln von Informationen, Themen, Fragen … folgt im Schritt 3.

3) Auswählen // Exploration
Der Schritt 3 des klassischen Moderationszyklus der Businessmoderation dient dem Auswählen der Themen, die vorrangig bearbeitet werden sollen. Im Dynamic Zyklus ist diese Phase die zentrale und zeitlich aufwändigste Phase. Hier findet die Exploration statt, bei der Informationen, Bedenken, Fragen und Lösungsideen gesammelt werden. 

4) Bearbeiten //  Conclusion
Während im Dynamic Facilitation die Phase 3 die aufwändigste ist, ist dies im klassischen Ablauf die Phase 4. Klassisch werden hier die Themen in die Tiefe verfolgt und Lösungsalternativen erarbeitet. Im Dynamic Zyklus wird hier aus den im vorangegangenen Schritt erarbeiteten Lösungsansätzen, Ideen und Vorschlägen, eine gemeinsame, von allen geteilte Sicht erarbeitet, aus der heraus dann im nächsten Schritt das weitere Vorgehen geplant werden kann.

5) Planen // Next Steps
Sowohl im einen, als auch im anderen Ansatz, werden in diesem Prozessschritt Maßnahmen geplant. Die Teilnehmenden einigen sich auf die Next Steps.

6) Abschließen // Check out
Das Abschließen ist in beiden Moderationsdesigns identisch. Es stehen eine Vielzahl von Methoden zur Verfügung, die dazu dienen, die Veranstaltung abzurunden und zu beenden.

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Wann ist Dynamic Facilitation die Methode der Wahl?

Dynamic Facilitation kommt zum Einsatz, wenn es ein emotional brisantes Thema zu bearbeiten gilt, wenn Spannungen zu erwarten sind und Teamcoaching beziehungsweise Konfliktmoderation aber nicht in Frage kommen, weil die zu moderierende Gruppe kein Team ist, die Gruppenmitglieder also keine Arbeitsbeziehungen untereinander haben UND Dynamic Facilitation kann genutzt werden, wenn eine Moderation zu einem Sachthema, unerwartet zu eskalieren droht.

Während im SixSteps Moderationszyklus für die Bearbeitung der gesammelten Themen eine Vielzahl von Bearbeitungsmethoden zur Verfügung stehen, nutzt man bei Dynamic Facilitation ausschließlich das Aktive Zuhören und den offenen Dialog.

Der Kern der Methode besteht darin, dass der Facilitator, die Moderatorin, vor versammelter Mannschaft, Einzelgespräche mit den Teilnehmenden führt. Er /sie „zwingt“ dadurch die Gruppe dazu, dass jeder jedem solange zuhört, bis diese/r alles gesagt hat, was er /sie zum Thema zu sagen hat. Der Facilitator „interviewt“ dazu jeden Teilnehmer zur eingangs definierten Problemstellung und notiert die Antworten für alle sichtbar, nach den Kategorien:

• Fragen / Herausforderungen
• Informationen / Sichtweisen
• Bedenken / Einwände
• Lösungen / Ideen

Diese Struktur gibt einerseits die Möglichkeit sich ausführlich zu äußern und zwingt die Teilnehmenden andererseits einander zuzuhören. Das Vorgehen öffnet dadurch einen Raum, der dann im Vertrauen auf die Selbstorganisationskräfte des Systems genutzt werden kann.

Dadurch, dass der Moderator jede/n Teilnehmende/n interviewt und alle anderen gezwungen sind zuzuhören, weiß danach jede/r mehr als vorher darüber, wie die anderen die Sache sehen. Wenn alles gesagt ist, was die Teilnehmenden zu diesem Zeitpunkt sagen können und wollen, gibt er sehenden Auges und absichtlich, nach dem „Prinzip Hoffnung“, einer Diskussion Raum, deren Start lauten könnte: „So, da habt Ihr jetzt den Salat, überlegt Euch, was Ihr damit macht!“

Danach ist Raum für eine Diskussion, in der – so die Hoffnung – jemand die zündende Idee hat oder sich ein Lösungsansatz aus einer Assoziations- und Argumentationskette mehrer Teilnehmender ergibt.

Das kann funktionieren, es kann auch schiefgehen. Und hier liegt das Dynamit!

Nach der Interviewphase ist – im positiven Fall – erst einmal der Druck aus dem Kessel und Erleichterung zu spüren (und vor allem darauf zielt diese, im Original mit „purging“ bezeichnete Phase ab) oder – im negativen Fall – die Stimmung zusätzlich aufgeheizt. Was in der anschließenden Conclusions- oder Dialogphase möglich ist, ist nicht zuletzt von der Explorations- oder Interviewphase abhängig. Haben sich neue Aspekte ergeben? Wer sagt im Interview was? Wer fühlt sich dadurch bestätigt, wer fühlt sich angegriffen? … Wie entwickelt sich die Stimmung?

Um soviel als möglich, Spannung aus der Situation zu nehmen, ist die zentrale Moderations- und Kommunikationstechnik das Aktive Zuhören.

Wichtig dabei: Der Moderator versucht – stellvertretend für jedes einzelne Gruppenmitglied – zu verstehen, was der oder die einzelne zum Thema zu sagen hat. Jedem Teilnehmer wird ungeteilte Aufmerksamkeit zuteil. Die Aussagen werden nach den genannten Kategorien (Fragen, Informationen, Einwände, Lösungsideen), mit visualisiert. Ein Beitrag muss dabei auf keinen vorangegangenen Bezug nehmen. Die Aussagen werden nicht kommentiert, nicht bewertet, nicht in einen logischen Zusammenhang gestellt. Jede Nennung ist erlaubt und erwünscht. Es geht ausschließlich darum, dass jede/r alles „loswerden“ kann, was er /sie loswerden möchte oder, man könnte auch sagen, beitragen möchte. Am Ende der Phase ist „alles gesagt“.

Dialog / Conclusionsphase

Die Moderation der Dialog- oder Conclusionsphase hat zum Ziel, dass am Ende eine gemeinsame Sicht vorhanden ist und Next Steps geplant werden können. Kann keine gemeinsame Sicht auf die Dinge erreicht werden, so sollte es dennoch möglich sein, nächste Schritte zu planen und sei es „nur“ ein Folgetreffen.

Im Dynamic Facilitation Ansatz ist auch hier keine Moderation im klassischen Sinne vorgesehen, sondern Beiträge werden weiter nach den genannten Kategorien (Fragen, Informationen, Einwände, Lösungsideen) mit visualisiert.

Next Steps

Wenn es inhaltlich möglich ist, weil in der Dialogphase konsensfähige Lösungsideen entstanden sind, oder aber der Zeitplan dazu zwingt, zum Ende zu kommen, werden nächste Schritte geplant und sei es nur der bereits erwähnte Folge-Workshop.

Check out

Ist die Planung des weiteren Vorgehens abgeschlossen, geht es um den Abschluss des Prozesses. Hier liegt der Schwerpunkt – wie in der Moderation grundsätzlich – auf der Reflexion der gemeinsamen Arbeit: „Wie haben Sie die gemeinsame Arbeit erlebt?“ „Wie zufrieden sind Sie jetzt?“ „Wie geht es Ihnen mit dem Ergebnis?“ können Fragen für eine Abschlussrunde sein.

B) Dynamic Facilitation als „Fall Back“

Wenn es in einer klassische Moderation nach den SixSteps, plötzlich emotionaler wird als vorauszuahnen war, die Situation „festgefahren“ ist und die Veranstaltung zu scheitern droht … und sich als Ursache nicht etwa ein schwelender Konflikt ausmachen lässt (sonst wäre hier Meta-Kommunikation und Konfliktklärung angezeigt), der mit dem aktuellen Thema nur wenig bis gar nichts zu tun hat, sondern sich Unzufriedenheit breit macht, weil Teilnehmer frustriert sind, weil sie das Gefühl haben, nicht alles sagen zu können, „was einmal gesagt werden müsste“, kann Dynamic Facilitation als Bearbeitungsmethode vorgeschlagen werden.

Das Vorgehen dazu könnte sein:

  1. Break machen
  2. Methode erklären
  3. Interviews durchführen
  4. Raum für Diskussion freigeben
  5. Fragen, Informationen, Einwände, Lösungsideen mitnotieren
  6. Gesprächsrunde abschließen und in den Schritt „Next Steps planen“ übergehen
  7. Exkurs (ggf. mit einer kurzen Reflexionsrunde) abschließen

Danach sollte unbedingt eine Pause eingelegt werden, bevor mit den priorisierten Themen aus Schritt 3 „Auswählen“ weiter gearbeitet werden kann.

FAZIT: Dynamic Facilitation ist ein spezielles ModeratonsDesign, das für einen definierten Ausnahmefall gut geeignet sein kann. Es bietet in idealerweise die Möglichkeit, die Verantwortung für den Prozess – für das Ergebnis hat sie diese ja ohnehin – an die Gruppe zu übergeben. Das Design darf nicht als Feigenblatt benutzt werden, wenn man keine solide moderatorische Ausbildung hat und/oder methodisch gerade mal „nicht weiter weiß“, sonst begibt man sich in ernsthafte Gefahr, dass einem das oben erwähnte Dynamit um die Ohren fliegt!

Erfolgreiche Moderationen!

Ihr /Euer /Dein
Josef W. Seifert


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